Alte Wunden wirken auch nach vorn
Es gibt Themen in der transgenerationalen Arbeit, die berühren sofort eine besonders empfindsame Stelle.
Die Arbeit nach vorn zu den Kindern gehört für mich dazu.
In Namibia wurde in mehreren Prozessen sichtbar, wie stark alte Wunden nicht nur aus der Vergangenheit zu uns kommen, sondern auch nach vorn wirken können: in unsere Beziehungen zu unseren Kindern, in unsere Erwartungen, in unsere Sorge, in unser Bemühen, es gut zu machen.
Oder sogar unbedingt besser.
Gerade darin liegt etwas sehr Menschliches.
Viele Eltern kennen diesen Wunsch: Das, was ich selbst vermisst habe, soll mein Kind bekommen. Was mir gefehlt hat, soll nicht noch einmal fehlen. Was mich verletzt hat, soll sich nicht wiederholen.
Dieser Wunsch kommt aus Liebe.
Und zugleich kann gerade dort eine alte Wunde weiterwirken.
Wenn Liebe zur Aufgabe wird
Wenn wir unbewusst vom eigenen Kind etwas erhoffen, das eigentlich unserer eigenen Heilung gilt, wird die Beziehung belastet. Dann soll das Kind nicht nur Kind sein dürfen, sondern trägt — oft ganz still — eine Aufgabe: gesehen machen, trösten, bestätigen, verbinden, versöhnen, nachversorgen.
Nicht, weil wir das wollen.
Nicht, weil wir unseren Kindern schaden möchten.
Sondern weil Unversorgtes nach Lösung sucht.
Auch als Mutter
Besonders berührt hat mich diese Arbeit nicht nur fachlich. Auch als Mutter.
Ich kenne diesen inneren Wunsch, es gut machen zu wollen — und an wunden Punkten unbedingt besser als die eigenen Eltern. Und ich kenne auch den Schmerz, wenn sichtbar wird, dass gerade in diesem Bemühen eigene alte Wunden weiterwirken können.
Ich habe selbst zu dieser Verbindung gearbeitet und meinen eigenen Vertrag mit meinem Sohn gelöst. Und doch hat mich das Thema in Namibia noch einmal tief berührt: mitzuerleben, wie viel Liebe, Schuldgefühl, Trauer und Mut in dieser Arbeit liegen können.
Verantwortung ohne Selbstverurteilung
Dort hinzuschauen bedeutet nicht, sich als Mutter oder Vater anzuklagen.
Es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen, ohne sich zu verurteilen. Und es bedeutet, die Beziehung zum eigenen Kind zu entlasten: indem wir nicht länger unbewusst dort Heilung suchen, wo eigentlich unser eigenes inneres Kind nach Versorgung ruft.
So entsteht mehr Freiheit.
Für die Eltern.
Für die Kinder.
Und für das, was zwischen ihnen möglich wird.
Diese Arbeit ist zart. Sie braucht Schutz. Sie braucht Würde. Und sie braucht eine klare Unterscheidung zwischen Schuld und Verantwortung.
Schuld macht eng.
Verantwortung kann öffnen.
In der transgenerationalen Arbeit geht es nicht darum, Eltern zu beschämen. Es geht darum, sichtbar zu machen, was bisher im Verborgenen gewirkt hat. Wenn ein unbewusster Vertrag erkannt und gelöst wird, kann sich die Beziehung verändern — nicht durch Druck, sondern durch Entlastung.
Vielleicht ist das eines der größten Geschenke dieser Arbeit: dass nicht alles, was zu uns gekommen ist, weitergehen muss.